Eine Geschichte von unserer Freundin Sylvia Lietsch aus Eibau

„Juhu, sie bleiben! Habt ihr gehört? Sie bleiben!“Gemälde Ramona Hellmann: Das alte Haus

Oft waren sie schon an diesem Haus vorbeigefahren. Jedes mal zog es magisch ihren Blick an. Lag es an dem Apfelbaum, der breit und ausladend den Giebel verdeckte? Oder war es der eiserne Zaun dessen verrostete Spitzen drohend in den Himmel ragten? Lag es an dem Knallerbsenstrauch, der sich so breit machte, dass die Zufahrt nur noch ein kleiner Pfad war, auf dem sogar das Gras viel zu hoch gewachsen war? Oder waren es gar die vielen Fenster, die wie traurige dunkle Augen aus dem Grau der Fassade hervorstachen?

Anna konnte es nicht sagen, warum sie von diesem Haus so faszinierte war. Es war ganz anders als all die kleinen Häuschen, die drumherum standen. Sie machten den Eindruck, als seien sie die kleinen Kinder dieses großen Hauses. Doch während in den kleinen Häuschen Leben zu sein schien, wirkte das große leer und verlassen.

Dann kam der Tag an dem Anna und Peter so neugierig waren, dass sie sich auf das verwilderte Grundstück wagten.
Anna fühlte sich wie in einer anderen Welt, als sie den schmalen Pfad zwischen Knallerbsenstrauch und Apfelbaum entlang schritt. Das Gras unter ihren Füßen fühlte sich an wie de weiche Flor eines Teppichs.

„Und wenn hier doch jemand wohnt?“, fragte Anna und drehte sich zu Peter um, der hinter ihr zurück geblieben war. „Dann fragen wir einfach, ob wir es kaufen können“, erwiderte er mit einem verschmitzten Lächeln.

Zögernd ging Anna weiter. Es schepperte und ein rundes Stück Blech rollte Anna vor die Füße. Erschrocken sprang sie zurück. Ein großer dicker Mann in einem schmutzig-grauen Overall folgte fluchend dem davon rollenden Blechteil. Als er Anna und Peter erblickte, knurrte er böse: „Hier gibt’s nichts zu gaffen! Runter vom Grundstück.!“ Er hob das Stück Blech auf und hob es drohend mit einer Hand nach oben. Mit ein paar schnellen Schritten kam er Anna so nahe, dass ihr eine übelriechende Alkoholfahne ins Gesicht schlug. Erschrocken und angewidert drehte sie sich um und stieß fast mit Peter zusammen, den sie nun vor sich her den schmalen Weg zurückschob.

Die Zeit verging. Immer wieder schaute Anna zu den großen Fenstern, wenn sie an diesem Haus vorbei ging oder fuhr. Obwohl sie nun wusste,dass das Haus bewohnt war, schien es ihr, dass die Fenster immer dunkler wurden und immer trauriger dreinschauten.

Und dann kam der Tag, an dem Anna und Peter wieder auf dem Hof standen, genau dort, wo ihnen die leere Blechdose vor die Füße gerollt war. Die Hecke aus Knallerbsen-sträuchern wirkte noch riesiger und ihre Äste ragten nun über den ganzen Weg. Die Äpfel, die im Herbst vom Baum gefallen waren, lagen verstreut unter ihm und auch auf dem Weg - vertrocknet, verdorrt, zermatscht. Alles war noch mehr verwildert.

Peter stand das Entsetzen in den Augen geschrieben: „Oh mein, Gott! Auf was haben wir uns nur eingelassen!“, stöhnte er.
Anna dagegen bewunderte den Apfelbaum, der wie ein riesengroßer Schirm die Sonne verdeckte, die Kiefer auf dem Hof, die sich mit ihrem Stamm um eine Birke geschlungen hatte und zusammen mit dieser eine sehr laienhaft gebaute, wacklige Überdachung hielt. Eine alte verknotete Wäscheleine war darunter gespannt und schien das Ganze zusammenzuhalten. Anna ging eine paar Schritte auf die Wiese, die sich wild und verfilzt um die Bäume ausgebreitet hatte. Ein Haselstrauch erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie wollte über die Wiese dahin, doch Peter hielt sie zurück. „Wer weiß, was auf dieser Wiese alles herumliegt. Hast du dir den Hof mal angeschaut?“ Anna schüttelte den Kopf. „Das war der größte Fehler unseres Lebens, sag ich dir“, murmelte Peter. Anne hatte das Gefühl, irgendetwas zupfe an ihrem Hosenbein.

„Geht ihr jetzt wieder?“, hörte sie eine traurige Stimme flüstern. Anna blickte sich um, sah aber niemanden.
Sie folgte ihrem Mann in Richtung Haus. Endlich konnte sie es von innen sehen.
„Wir kaufen die Katze im Sack. Wer weiß, welche unliebsamen Überraschungen uns drinnen erwarten“, hatte Peter gemeint, als sie das Haus ersteigerten, ohne es vorher besichtigen zu können. Nun betete Anna, er möge sich damit geirrt haben.
Der große Schlüssel drehte sich knarrend im Schloss einer alten Holztüre.

„Bitte geh nicht wieder weg“, flüsterte es erneut hinter Anna.
„Hast du das auch gehört?“, fragte Anna ihren Mann und schaute sich um.
„Ja, die Scharniere brauchen dringend Öl und eigentlich ist es völlig unnötig diese Türe abzuschließen. Ein Tritt dagegen und sie würde aus den Angeln fallen“, stellte Peter fest, als sich die schwere Holztür quietschend öffnete. Feuchter Geruch schlug den beiden entgegen. Anna sah einen Schatten davonhuschen. Sie blieb hinter ihrem Mann zurück, der bereits den schmalen dunklen Flur des Hauses betreten hatte.

Wieder hatte Anna das Gefühl, als wenn etwas an ihrem Hosenbein zupfe. „Bitte, bitte, bleibt!“ vernahm sie abermals das unsichtbare Stimmchen.
Immer noch an der Schwelle stehend, sah Anna die Silhouette einer uralten Frau, die ihr langes weißes Haar mit einem grauen fransigen Tuch verhüllte, Anna eine Hand zu reichen schien und mit der anderen einladend in den dunklen Flur zeigte. Es war, als wolle sie Anna willkommen heißen.
Peter lief durch die Alte hindurch und Anna schüttelte den Kopf. Wie sollte eine steinalte Frau hier hereinkommen. Nur ihr Peter hatte das Haus betreten. Doch die Gestalt der Alten war immer noch da. Reglos, den Kopf gesenkt, nun abwartend.

„Wo bleibst du denn?“ hörte Anna Peter rufen, während sie die Frau anstarrte und etwas unschlüssig den dunklen Flur betrat. Sie hörte Peter fluchen und klappern, dann ging eine Lampe an, erhellte den Flur. Die Frau war verschwunden.
„Na wenigstens gibt’s hier noch Strom“, vernahm sie sein Stimme, bevor er wieder um die Ecke kam. „Jetzt können wir das Chaos gleich im Hellen begutachten.“

Anna lief auf ihn zu, drehte sich noch einmal um. Die alte Frau blieb verschwunden.
„Komm, wir fangen am besten oben auf dem Boden an“, schlug Peter vor. Schnell folgte Anna ihm die Steinstufen hinauf ins Obergeschoss.
Die Tür zum Boden war verzogen und klemmte. Peter zog und zog, dann sprang sie mit einem Ruck auf. Die Holzstufen knarrten unter ihren Füßen. Eine Maus huschte erschrocken davon.

Während sich Peter nur für den Dachstuhl interessierte, schaute Anna sich auf dem Boden um. Feiner Staub tanzte in den Strahlen der Sonne, die durch die beiden Dachfenster etwas Helligkeit verbreiteten. Ein paar alte Schränke warfen ihre Schatten. Anna ging auf einen der alten Schränke zu. Sie sah, wie sich ein großer kräftiger Mann in Nichts auflöste. Der sah ja aus wie Rübezahl, dachte Anna. Und da war auch wieder das Stimmchen: „Bitte, bitte, nicht wieder weggehen!“

„Na wenigstens ist das Dach dicht und die Balken sind auch in Ordnung“, rief ihr Peter auf einer wackligen Holzleiter stehend zu und schloss geräuschvoll die Dachluke. „Und? Hast du dich schon mit den Geistern des Hauses angefreundet? Dann sag ihnen, ab jetzt kriegen sie es mit uns tun.“

„Das klingt ja fast drohend. Du hast ihnen damit bestimmt Angst gemacht.“, erwiderte Anna und blickte auf den Bretterstapel in einer Ecke, in der sich noch ein Sonnenstrahl verlor. Ihr war, als sähe sie, wie die weißhaarige Alte von vorhin ihre Hand aufs Herz legt und sich verneigte. Und dann vernahm sie auch wieder das Stimmchen: „Juhu, sie bleiben! Habt ihr gehört? Sie bleiben!“

„Dann kann's nur besser werden“, brummte es hinter dem Schrank. „Wenigstens mal jemand, der uns wahrnimmt.“
„Bist du dir da sicher?“, fragte das zarte Stimmchen. „Sie hat doch nicht einmal geschaut, wer an ihrem Hosenbein zupft.“
„Vielleicht hat sie es nicht gemerkt, weil du wieder zu zaghaft warst.“
„Ich war nicht zaghaft!“, verteidigte sich das Stimmchen.

Die Holztreppe knarrte bereits wieder unter Peters Schritten, während Anna noch angestrengt versuchte herauszufinden, zu wem dieses zarte Stimmchen gehörten. Und gerade als sie sich einbildete, etwas Graugrünes unter den Schrank huschen gesehen zu haben, hörte sie Peter ungeduldig rufen: „Wo bleibst du denn? Oder jagst du etwa die Gespenster?“

„Ich komme schon.“ Anna schaut noch einmal zum Schrank. Doch nur ein paar Staubteilchen tanzen durch die Sonnenstrahlen aus den Dachfenstern.


Das ist die Einführungsgeschichte zum Buch "Willkommen im Spukhaus".

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