Eine Geschichte von unserer Freundin Sylvia Lietsch aus Eibau - oder nur ein Traum?

"Geh diesen Weg, den du noch nie gegangen bist und du wirst finden, was du noch nie hattest."Gemälde Ramona Hellmann 'Am Rande Midgards'

Ich finde mich auf einer Lichtung wieder, liegend im warmen Gras, mit dem Blick zu einem blauen Himmel, an dem ein paar einzelne kleine weiße Wolken stehen. 'Wie verlorene Schafe.' denke ich und lausche. Ganz in der Nähe plätschert ein kleiner Bach, der sich irgendwo zwischen den hohen Bäumen seinen Weg sucht. Ich höre die Geräusche des Waldes: das Rascheln der Blätter, wenn ein Windhauch durch die nahen Bäume streift und den Gesang der Vögel - vielstimmig und auch so fremd.
Ich weiß nicht, wo ich mich befinde. Aber ich kenne die Geräusche und den blauen Himmel aus vielen Träumen.

Aus Träumen, in denen ich hinauf auf einen Berg geklettert bin, der mir den Blick auf einen Regenbogen freigab.

Ich setze mich auf und schaue mich neugierig um. Ja, es ist diese Lichtung an einem kleinen See, der von bizarren Felsen am anderen Ufer gesäumt wird. Da ist dieses kleine blaue Zelt mit der Feuerstelle davor, nur wenige Meter von einem Waldstück entfernt. Und nun sehe ich auch den kleinen Bach, sehe wie das Wasser über die Felsen hüpft, um dann im Wald zu verschwinden. 'Genau dort, über die Steine im Wasser bin ich schon in vielen meiner Träume nach oben gegangen. Soll ich mich auch heute dahin aufmachen? Und werde ich diesen Regenbogen dort oben auch heute finden?', überlege ich.
Unentschlossen erhebe ich mich, gehe ein paar Schritte in Richtung des Bachlaufes. Und dann ist sie plötzlich da - diese Stimme!: „Komm, du hast mich doch schon so lange gesucht. Komm, ich führe dich!“

Verwirrt schaue ich mich um. Niemand ist zu sehen. „Komm trau dich! Ich habe schon so lange auf dich gewartet. Nun endlich bist du da. Ich werde dich führen. An den Ort, von dem du schon immer geträumt hast, ich werde dir zeigen, was du schon so lange vermisst hast. Höre auf dein Herz und folge mir.“
Noch immer stehe ich unentschlossen im Gras zwischen dem See und dem Wald, blicke hinauf zum Wasser, welches über die Felsen springt und zu den kleinen weißen Wolken am Himmel. Soll ich wirklich dieser Stimme folgen? Und, wenn ich den Regenbogen wirklich finde! Was dann??? Vielleicht ist danach nichts mehr so, wie es einmal war, so wie ich es schon ein Leben lang kenne. Vielleicht bin ich dann genauso verloren, wie diese kleinen weißen Wolken dort oben im unbegrenzten Blau des Himmels.

„Also los! Wer immer du bist, lass uns gehen!“ murmele ich leise, ziehe meine Schuhe aus, und werfe sie vor das blaue Zelt. Plötzlich sehe ich, wie eine große schwarze Katze elegant über Wasser und Steine springt. Ausgerechnet dort, wo auch ich hinwill.

„Komm. Die Katze wird dir deinen Weg zeigen. Folge ihr. Ich werde hinter dir bleiben.“

Noch einmal drehe ich mich um, so als hoffte ich, eine Gestalt hinter mir zu sehen. Aber auch diesmal ist außer mir und der großen schwarzen Katze da oben zwischen den Felsen niemand zu sehen.
„Wer bist du?“ frage ich die unbekannte Stimme. „Frag nicht und geh! Du wirst die Antwort finden!“, höre ich die Stimme antworten.
Ich laufe langsam los, lasse die Lichtung mit dem See, dem Zelt und der Feuerstelle hinter sich, richte meinen Blick nach vorn, nach oben. Dahin, wo der Berg mit dem Regenbogen sein muss, und die große schwarze Katze immer wieder meinem Blick entschwindet.
Mit nackten Füßen klettere ich über nasse Steine und wundere mich, dass diese überhaupt nicht glatt und rutschig sind. Das Wasser ist kalt, umspült plätschernd und prickelnd meine Füße. Ich kann die Kraft spüren, die mir das glitzernde Nass verleiht.

Die kleinen weißen Wolken bleiben scheinbar regungslos am Himmel. Nur die Sonne ist ein kleines Stück weiter gerückt. Die schwarze Katze bleibt nun näher bei mir. Ich kann schon die großen grünen Augen erkennen, mit denen das Tier mich immer wieder aus noch sicherer Entfernung beobachtet. Unermüdlich steige ich nach oben. In meinen Träumen war ich viel schneller beim Regenbogen. „Wie weit denn noch?“, stöhne ich irgendwann.

„Wo willst du denn hin?“ vernehme ich die Stimme aus dem Nichts.

„Zum Regenbogen, hoch oben auf dem Berg.“

„Bist du sicher?“

„Nein. Ich weiß nicht. Vielleicht gibt es ihn ja auch nur in meinen Träumen.“, gebe ich verunsichert zu.

„Was suchst du dann?“

„Ich weiß es nicht. Es wäre schön den Regenbogen zu finden. Aber wenn es ihn nicht gibt, was finde ich dann?“. Ratlos blicke ich auf meine nackten Füße.

„Du kennst den Regenbogen. Er ist bunt und schön. Er gibt dir Hoffnung. Er ist eine schöne Erinnerung, die du festhältst. Aber willst du nur in deinen Erinnerungen leben?“

Ich blicke erstaunt auf. Lebte ich wirklich nur in meiner Erinnerung? Nein, das kann und will ich dieser Stimme nicht glauben.
Ich setze mich auf einen Stein, der aus dem Wasser ragt, schaue zurück auf meinen Weg, den ich bis hierher gegangen bin. Viele Steine liegen dort, auf diesem Weg. Bin ich wirklich dort entlang gegangen? Ich kann mich nicht erinnern, um so große Steine herumgegangen oder über sie geklettert zu sein. Nachdenklich blicke ich hinauf zu den Wolken.

Die Katze mit den grünen Augen hat sich ebenfalls niedergelegt - etwas abseits und noch immer in sicherer Entfernung.
'Vielleicht hat die Stimme doch recht.' denke ich. 'Ich möchte das zurück, was schön war, was vergangen ist und wohl nie wieder kommt. Aber will ich diesen Weg zurück noch einmal? Den Weg mit diesen vielen großen Steinen?' Ein paar Tränen kullern über meine Wangen. 'Ja, es ist vorbei. Die Erinnerungen werden bleiben. Und vielleicht gibt es ja noch etwas Größeres, Schöneres?'

Ich habe nicht bemerkt, wie die Katze langsam näher gekommen ist, erschrecke, als sich der große Kopf mit den grünen Augen schnurrend an meine Seite schmiegt. Dann lässt sich die Katze neben mir nieder und schaut mit mir ins Tal. Ab und zu streiche ich dem Tier über Kopf und Rücken.

Irgendwann erhebt sich die schwarze Katze majestätisch, schüttelt sich und geht zielstrebig den Weg über die Steine weiter nach oben. Ich folge dem Tier.
Kurze Zeit später stehe ich oben auf dem Gipfel, die weißen Wolken über mir. Vor mir der Abgrund über den sich ein Regenbogen spannt. Das ist er – mein Regenbogen. In meinen Träumen habe ich ihn immer wieder bewundert und dann den Weg zurück ins Tal genommen. Doch jetzt stehe ich unschlüssig am Abgrund - genau dort, wo der Regenbogen den Berg zu berühren scheint. Die schwarze Katze steht neben mir und noch ehe ich sie zurückhalten kann, springt die Katze in den Abgrund. „Nein! Warum hast du das getan?“ schreie ich ihr hinterher und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, steht das schwarze Tier auf dem Regenbogen. Es schaut mich aus seinen großen grünen Augen an, und kommt mir einen Schritt entgegen. Die unbekannte Stimme sagt: „Geh! Geh diesen Weg, den du noch nie gegangen bist und du wirst finden, was du noch nie hattest. Ich bin der Schatten deiner Vergangenheit. Und wenn du jetzt den Schritt wagst, lasse ich dich los und mache dir den Weg für etwas Neues frei.“

Ich atme tief durch, zögere. Was habe ich denn noch zu verlieren?. Noch einmal schließe ich die Augen und wage den Schritt - den ersten Schritt ins Unbekannte - den Schritt auf den Regenbogen. Nur kurz schaue ich zurück und folge der grünäugigen Katze in eine neue unbekannte Welt.

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