Eine Geschichte von unserer Freundin Sylvia Lietsch aus EibauRamona Hellmann: Die Woge

„Wer bist du“, fragt das zarte Wesen aus Licht, dass wie eine kleine goldene Lichtkugel aussah, erschrocken, „und wo kommst du her?“

„Wer bist du denn? Und wieso bist du in meiner Welt?“, bekam sie die Gegenfrage.

„Ich weiß es nicht. Ich dachte, hier ist meine Welt, mein kleiner Traum“, antwortet das kleine zarte Wesen aus Licht. „Wo bin ich denn nur gelandet? … und du, wer bist du? Du siehst so anders aus, als ich.“

 

„Wieso sehe ich anders aus? Bin ich nicht auch Licht? Ich weiß gar nicht wie ich aussehe. Ich fühle mich nur leicht, sehr leicht.“

„Du siehst aus wie ein Wolke, eine große flache Wolke und etwas zerrupft. Aber irgendwie interessant.“, beschrieb das unbekannte Wesen. “Ich hab auch kein bisschen Angst. Ich war nur erstaunt. Ich sollte jetzt eigentlich irgendwo in einer kleinen kuscheligen Höhle sein. Aber das hier ist keine Höhle. Hier ist es ganz weit und ganz groß.“

„Ja, wir sind in einer Dimension, in der alles weit und groß ist und wir sind mitten drin und gehören dazu, sind ein Teil dieser Unendlichkeit“, erklärte die zerrupfte Wolke. „Ich bin auch erstaunt, dich hier zu finden. Aber nichts geschieht ohne Grund. Vielleicht bist du ja ein Teil von mir?“

„Hast du denn eine Höhle für mich? Wie können wir das herausfinden? Hier ist doch niemand, den wir fragen können?“ Das kleine Lichtwesen war verwirrt und ratlos. „Ich würde auch gern wissen, wer du bist, du große Wolke, und warum ich dir hier begegnet bin.“
Die Wolke floss weit auseinander, begann sich zu drehen und wurde zu einem dichten Wirbel.

„Ich will mich auch so drehen wie du!“, rief das goldene Licht. „Nimm mich mit!“ Dann schwebte es schnell und lautlos auf den Wirbel zu. Der Wirbel zerteilte sich in viele kleine silberne Fäden und auch die kleine Lichtkugel sah plötzlich aus wie ein winziger goldener Igel, von dem ein paar längere Stacheln sich in die Richtung der Silberfäden reckten.

Die goldene Kugel schwebte vergnügt zwischen den silbernen Fäden, die wie Tentakel die kleinen Stacheln umfassten. So tanzten sie noch eine Weile gemeinsam durch diese Welt ohne Grenzen. Als sie innehielten sagte das kleine zarte Wesen erstaunt: „Du hast ja Augen, wundervolle blaue Augen.“
Erst jetzt wurde auch die große wirbelnde Wolke aufmerksam: „Du auch! Blaue Augen und so tief wie das Meer. Wer bist du nur, du kleines Wesen?“
„Ich habe es vergessen“, gab es kleinlaut zu. “Ich kann mich nur daran erinnern: Ich soll in eine kleine Höhle, und an blaue Augen. Du hast blaue Augen! Hast du auch die Höhle für mich?“

Die Augen der Wolke schienen durch das goldene Lichtwesen hindurchzuschauen. Da sah sie Schattenwesen, dunkle Schatten; eine Frau mit blondem langen Haar und einen Mann, der ihre Hand hielt.
„Kannst du es auch sehen?“, flüsterte die Wolke leise dem zarten Wesen zu. „Ich glaube, da wartet jemand auf dich. Dort sollst du hin!“

„Bist du sicher?“ Der kleine goldenen Igel fuhr erschrocken seine Stacheln ein. Nur ein einziger hielt sich noch an einem Silberfädchen der zerrupften Wolke fest.

„Ja, bin ich“, antwortete sie und wirbelte das kleine Wesen noch einmal herum, dass es vor Freude jauchzte. Dann lies sie es los. Langsam schwebte es den Schattenwesen entgegen. Plötzlich hielt es an, drehte sich noch einmal um und rief: „Du zerrupfte Wirbelwolke, werden wir uns wiedersehen? Es war lustig mit dir.“

Die Wolke floss noch einmal weit auseinander bis hin zu dem zarten kleinen Wesen aus goldenem Licht. Sie umschloss es noch einmal und sagte: „Ganz bestimmt. Und dann verrate ich dir auch wer ich bin, wenn ich nicht hier herumwirble.“

Das kleine Wesen verschwand mit den Schattenmenschen, die Wolke verdichtete sich und zog sich dahin zurück, wo sie hergekommen war – zurück in die Welt der Farben und Formen.

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