Ein Tatsachenbericht von unserer Freundin Sylvia Lietsch - Heilpraktikerin in Eibau

„Komm! Flieg mit mir!“

Feuer, gespiegeltHatte der Alte an Allerheiligen nicht gesagt: „Ich bin deine Eule“? Wie kann aus einer Eule ein Mann und aus einem weißhaarigen Alten eine Eule werden? Ratlos sitze ich vor dem Kaminfeuer und starre in die Flammen, die rot über dem Holz tanzen. „Wir können jede beliebige Gestalt annehmen. Und vielleicht kannst du das auch eines Tages! Formen und Grenzen existieren nur in den Köpfen der Menschen. Aber manche können sich davon frei machen. Vielleicht gehörst du zu den wenigen Auserwählten, denen das gelingt.“ Die Worte des Alten klingen mir noch deutlich im Ohr.

Ich schließe die Augen und tauche ab in die Welt der Dunkelheit. „Wir sind die Jäger der Nacht und wir begleiten dich auf deinem Weg durch die Dunkelheit und die Welt des Unsichtbaren.“ Da sind sie also wieder: Asja und Kuru, die beiden weißen Wölfe, Tarja, die Eule und Kijo, der Fuchs.
„Komm wir zeigen dir unsere Welt. Komm mit in die Unendlichkeit der Dunkelheit ...“, flüstert die Eule. „Schau auf deine Hände!“

Auf die Hände? In den Händen halte ich eine große Tasse mit duftendem Kräutertee. Ich höre ein vielstimmiges Lachen. „Doch nicht mit den Augen.“ Ich überlege kurz, woraus die gebrühte Teemischung besteht. Nein, da ist nichts enthalten, was Halluzinationen hervorrufen oder das Bewusstsein verändern könnte. Noch immer höre ich das Lachen. Ich starre auf meine Hände mit der Tasse. Auf was warte ich eigentlich? Das sie mir jetzt aus der Hand fällt, weil ich statt Fingern Federn habe oder Wolfspfoten? Meine Finger fangen an zu kribbeln und der Sessel unter meinem Hintern scheint sich in Luft aufzulösen. Vor meinen Augen beginnt es zu flimmern. Die Flammen verwischen und lösen sich in kleine Lichtfunken auf. Verwirrt schüttele ich mit dem Kopf und schaue mich um. Neben mir liegt Kater Karli – völlig entspannt. Er blinzelt mich an, als wolle er fragen: „Was ist denn nun schon wieder los?“ Über dem Holz im Kamin tanzen die Flammen - alles so wie immer. Aber was war das soeben? Ich stelle die Tasse auf die Ablage vor dem Kamin und vertiefe mich wieder in das Spiel der Flammen. Und dann höre ich sie wieder, diese Stimme: „Komm, wir zeigen dir unsere Welt. Schließ deine Augen und vertraue einfach.“ Mit geschlossen Augen höre ich, wie das Holz knistert, wie der Wind im Kamin bläst und der Kater laut schnurrt.

„Und nun schau auf deine Hände.“, fordert Asja. „Aber lass die Augen geschlossen.“ Und tatsächlich, ich sehe das Feuer im Kamin, meine Hände, die Eule, die mich mit großen Augen aus den Flammen anschaut. „Komm! Flieg mit mir!“
„Fliegen? Wie?“
„Wie in deinen Träumen. Stell es dir einfach vor!. Es ist ganz leicht.“ Um es zu demonstrieren breitet sie ihre schneeweißen Flügel aus.

Wie im Traum? Also die Hände über den Kopf und ein kleiner Sprung! Und ja, dann schwebe ich. Die Eule fliegt neben mir, umkreist mich. „Schau, so geht es einfacher!“ Sie schlägt mit den Flügeln. Ich nehme die Arme an die Seite, so als hätte auch ich welche. Als ich auf meine Hände schaue, sind sie tatsächlich mit Federn bedeckt. Ich drehe mich nach Tarja, der Eule um. „Siehst du! Ganz einfach!“, sagt sie. Ich muss mich schütteln und dabei bemerke ich, dass ich ein Federkleid habe, genau wie Tarja, nur nicht so schön weiß. Die braunen Federn passen auch besser zu mir.

„Komm, ich bring dich zu den anderen. Wir sind nämlich noch viel mehr, als du bisher gesehen hast. Und es gibt Einige, die schon darauf warten, dass du endlich zu ihnen kommst.“

Tarja fliegt mit mir durch einen Wald, geradewegs auf eine kleine Lichtung zu. Ich erkenne Asja und Kuru mit ihrem kleinen Rudel. Auch Kijo, der Fuchs ist da. Wir landen vor ihnen auf dem Ast einer alten knorrigen Eiche. Ein schwarzes Eichhörnchen kommt angehuscht. „Pinky! Ich habe dich lange nicht gesehen.“, flüstere ich ihm zu. „In den Arm nehmen kann ich dich heute leider nicht. Siehst ja, heute habe ich Flügel!“ Der Eichkater verneigt sich. „Ich wusste, dass du irgendwann kommst. Ich habe die ganze Zeit gewartet und auf dich aufgepasst. Aber die weißen Tiere hatten die wichtigeren Botschaften für dich. Sonst wärst du jetzt nicht hier.“

Inzwischen hat sie sich die Lichtung gefüllt. Vor mir verneigt sich eine schwarze Stute, mit einer wahnsinnig langen Mähne. „Ich bin Mirja! Weißt du noch? Du hättest mich am liebsten in den Abgrund fallen sehen.“
Verschämt blicke ich zu Boden. 'Kann man als Eule auch rot werden', denke ich. „Verzeih mir! Du warst also das verrückte schwarze Pferd, das mich in manch einer Meditation fast wahnsinnig gemacht hat! Das Pferd, welches über die Bergwiesen und Geröllhalden galoppiert ist, so als gäbe es keine Abhänge und tiefen Schluchten, als gäbe es keine Gefahren. Und ich weiß bis heute nicht, was du mir sagen wolltest.“ Mirja schüttelt ihre Mähne und bevor sie etwas antworten kann, wird sie von einer großen schwarzen Katze mit wundervollen grünen Augen beiseite gedrängt. Auch sie neigt ihren Kopf zum Boden. „Ich bin Toro, dein schwarzer Panther. Der, dem du auf den Regenbogen gefolgt bist.“

„Ich erinnere mich, der Regenbogen aus meinen Träumen. Eines Tages bist du dann gesprungen, in den Abgrund und doch auf dem Regenbogen gelandet. Und ich bin dir gefolgt. Dann haben wir beide auf dem Regenbogen gestanden und in meine Vergangenheit geschaut.“

Toro macht Platz für einen Eisbären – ein großes und mächtiges Männchen. Als er sich auf die Hinterbeine stellt, ist er so riesig, dass ich vor Schreck mit den Flügeln schlage. Er grabscht mit der Pranke auf meinen rechten Flügel, ich schreie auf und falle vom Baum. Ich bekomme noch einen Hieb und es scheppert ganz laut. Ich hänge in meinem Sessel, wie gerade hineingefallen. Meine Füße stehen in einer großen Pfütze Kräutertee, der sich aus der umgefallen Tasse auf dem Boden verteilt hat. Mit großen runden Kulleraugen und einem Miau schaut Kater Karli auf meine blutende Hand, als wolle er sagen „Tut mir leid, aber du hast zuerst zugehauen.“

 

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