Ein Tatsachenbericht von unserer Freundin Sylvia Lietsch - Heilpraktikerin in Eibau

„Nein! Wir gehen durch die Ritterschlucht!“

Es ist die Nacht zu Allerheiligen, die Nacht der Geister. Halloween. Nun ja, von Halloween halte ich nicht viel. Ich finde es auch nicht gut, wenn Kinder oder Erwachsene als Geister verkleidet durch die Gegend ziehen. Für mich ist das, als würde man die Wesen in der für die meisten von uns unsichtbaren Welt verspotten.
Für mich ist das eine Nacht, in der ich schnell und leicht Kontakt zu all meinen unsichtbaren Begleitern aufnehmen kann. In diesem Jahr sind es noch ein paar mehr.

Eine weiße Eule und vier weiße Wölfe haben sich im Laufe dieses Jahres zu mir gesellt. Mit ihnen, einer Kanne heißen Tee für eine kalte Nacht, Schlafsack und ein paar Windlichtern im großen Rucksack ziehe ich also los, um diese Nacht auf einer Burgruine zu verbringen. Es ist bereits dunkel, als ich die vielen Stufen hinaufsteige, an einer kleinen Bergkirche vorbei, in der ich vorsichtshalber noch um Beistand bitte.
Dann stehe ich an einer Weggabelung. Als ich zielstrebig nach rechts abbiegen und den von Laternen beleuchteten Weg nehmen will, höre ich ein tiefes und sehr bestimmtes „Nein! Wir gehen durch die Ritterschlucht!“.

Asja und Kuru, zwei meiner weißen Wölfe, drängen mich auf den dunklen Weg.
„Der ist aber stockdunkel und viel länger!“, wage ich den Versuch die beiden umzustimmen. „Geh einfach los!“, ist die gebieterische Antwort der Wölfin.
„Ich leihe dir meine Augen, damit du gut sehen kannst.“, bietet mir die weiße Eule an, und fliegt los. Ich hole Streichhölzer und Windlicht aus dem Rucksack, gehe aber entschlossen weiter, ohne das Licht zu entzünden. Über und neben mir raschelt das dürre Laub in den Bäumen. Unten im Tal bellt ein Hund. Vor mir bewegen sich vier Schatten, dahinter, aber immer vor meinem Kopf fliegt die Eule. Ich kann tatsächlich alle fünf Tiere sehen, bemerke wie sich die weiße Wölfin immer wieder nach mir umdreht. Erst als die Laternen am Aufgang vor dem Burgtor ihr Licht zu uns werfen, verschwinden die Schattenbilder.

Auf meinem Weg durch den Kreuzgang zu dem kleinen Bergfriedhof höre ich Gesang – und das obwohl es schon weit nach 18 Uhr ist. Also kehre ich um und steige hinauf zur Klosterkirche. Dämmriges Licht und chorale Gesänge empfangen mich. Langsam durchschreite ich den Raum, in dem meine Schritte laut widerhallen, lasse mich auf einer Bank nieder. Der Mond schiebt sich über die Mauern der Ruine. 'Schade, dass es keine Vollmondnacht ist', denke ich. Die Choräle, die aus einer ganz anderen Welt zu kommen scheinen, nehmen mich gefangen.

Mein Blick, ins Dunkel gerichtet, nimmt das aus dem Fels gemeißelte alte Gemäuer war. Langsam verschwimmen die Mauern zu einem dunklen Vorhang. Mönche in schwarzen Kutten mit weißen Rändern an den Säumen nehmen Gestalt an. Stumm und ohne aufzusehen, ziehen sie mit Fackeln in ihren Händen an mir vorbei. Ich erhebe mich und folge ihnen. Genauso lautlos. Nur kurz überlege ich, warum meine Schritte nicht wie vorher laut und widerhallend zu hören sind. Ich steige hinter den Mönchen eine enge Wendeltreppe hinauf. Es riecht nach alten feuchten Mauern.

Dann stehe ich oben, kann hinunter ins Tal schauen. Sehe den Mond, an dem der Wind immer wieder dunkle Wolkenfetzen vorbeitreibt. Irgendwo in den nahen Bäumen schreit ein Käuzchen. Ich schaue über die Brüstung - hinunter, dorthin wo wohl einst der Burghof war. Über mir dreht sich mit lautem Quietschen eine Wetterfahne im Wind. Immer und immer wieder. Der Wind zerrt an meinen Haaren, lässt den Boden des Turmes unter meinen Füßen scheinbar vibrieren. Das Leuchten der Lampen da unten verschmilzt mit vereinzelt aufsteigenden Nebelschwaden zu einem gespenstischen Licht. Es bringt Bilder von Feuerschluckern und Seiltänzern, von Frauen, die aus der Hand lesen und in langen Gewändern, von Männern in Kettenhemden und von einem großen Feuer.

Dann halt ein Schrei durch die Nacht: „Ich verfluche euch alle!“ Ich fahre zusammen! Die Bilder sind verschwunden. Mein Herz klopft wild. Ich stehe allein auf dem Aussichtsturm. In der Klosterkirche sind die Lichter erloschen, die Choräle verklungen. In der Ferne läuten Kirchenglocken, ein Hund heult. Die kahlen Bäume wiegen sich im Wind, der Mond ist hinter Wolken verschwunden. Das Käuzchen schreit immer noch, laut und durchdringend. Ich nehme den Schatten der weißen Eule vor mir auf der Mauer wahr und eine Stimme: „Beende den Fluch und vergib!“ Ich schaue mich um. Die Eule ist verschwunden. Dafür steht eine Frau vor mir. Gekleidet, wie die, die ich da unten auf dem Burghof gesehen habe. Ihr langes rotes Haar weht wirr im Wind. Bittend schaut sie mich an. Streckt mir wortlos beide Hände entgegen. Dann schaut sie traurig zu Boden. Ich atme tief ein, greife nach den Händen dieser Frau. Sie sind warm, wärmer als meine. Und mit Herzklopfen und rauer Stimme flüstere ich: „Ich vergebe euch. Der Fluch sei gelöst. Ihr seid frei, so wie auch ich jetzt frei sein kann. Geht mit mir ins ewige Licht.“

War das wirklich meine Stimme? So tief und so rau? Die Frau ist verschwunden. Ich spüre meine eiskalten Hände, die immer noch ausgestreckt sind, und schaue noch einmal zu den Lichtern ins Tal. Der Mond steht wieder am Himmel und sogar ein paar Sterne sind zu sehen. Der Wind zerrt noch immer an mir und dem Turm.

Ich beschließe, nach unten zu dem kleinen Bergfriedhof zu gehen, steige die ersten steilen Stufen hinab und finde mich in einem finsteren Turm wieder. Brannte nicht Licht als ich den Mönchen hier hinauf gefolgt bin? Oder war es nur der Schein ihrer Fackeln? Jetzt jedenfalls finde ich mich in einem stockdunklen Turm wieder. Ohne Licht die enge Wendeltreppe hinunter? Nein! Ich zünde eines meiner Windlichter an. 'Hoffentlich ist die Tür unten zur Kirche nicht verschlossen, dann wird es einen Nacht auf diesem Turm'. Mir wird bei diesem Gedanken ganz komisch in der Magengegend. Aber alles ist gut, die Tür ist zwar geschlossen, aber nicht verschlossen.

Ich trete ins Dunkel der Kirche, und mache mich dann auf den Weg Richtung Bergfriedhof. Etwas oberhalb lasse ich mich an einem Baum nieder. Ich schaue hinab auf die Gräber mit ihren großen Kreuzen. Die Grableuchten verbreiten ihr flackerndes Licht in der Dunkelheit. Überall rascheln dürre Blätter - die, die noch an den Bäumen hängen und auch die am Boden. Ein kleines Kätzchen erscheint aus dem Dunkel der Nacht, streicht mit einem „Miau“ an meinen Beinen vorbei und ist genauso schnell verschwunden, wie es aufgetaucht war. Dafür sind meine fünf Begleiter wieder da: vier weiße Wölfe liegen mir zu Füßen, die Eule sitzt auf meiner rechten Schulter. Ich fühle mich beschützt von den fünf Schatten. Lausche den Geräuschen der Nacht. Später steige ich mit dem Windlicht in der Hand und meinem schattenhaften Gefolge hinauf auf das Südplateau. Vielleicht finde ich dort einen geeigneten Schlafplatz.
Aber es zieht mich wieder in den Burghof, hinunter zu den alten Mauern.

Auf einer kleinen Bank mitten im Hof mache ich es mir bequem. Auf dem steinernen Tisch leuchtet mein Windlicht, heißer Tee dampft im Becher. Noch mag ich den Schlafsack nicht auspacken. Und dann ist er plötzlich da: ein Fuchs! Wie aus dem Boden gewachsen steht er vor mir, nur wenige Meter von meiner Bank entfernt. Er nimmt Witterung auf und kommt Stück für Stück näher. Mit dem Klappern meines Schlüsselbundes kann ich ihn kurzzeitig verjagen. Aber neugierig kommt er zurück, langsam näher und näher. Mit einem „Grrrrrr“ springe ich auf. Wieder verschwindet der Fuchs für eine kurze Zeit. Dann pirscht er sich erneut heran, fletscht die Zähne, als wolle er mir sagen: „Was du kannst, bringe ich auch. Sogar viel besser!“ Und plötzlich verschwindet er, obwohl ich mich nicht einmal bewegt habe.

„Geh zur Feuerstelle, er kommt wieder!“ höre ich eine knurrige Stimme. Asja, meine Wölfin! Ja, eine Feuerstelle hatte ich auch gesehen, nur wenige Meter von mir entfernt. Ein Kreis aus Steinen, in dem wohl schon einige Feuer gebrannt haben. Ich verteile das Häufchen Asche und zünde mein kleines Feuer an. 'Wie gut, dass ich Streichhölzer und auch etwas Anzünder mitgenommen habe', denke ich. Unter einem kleinen Dach finde ich genügend trockenes Holz.
Und tatsächlich! Als das Feuer brennt, ist auch der Fuchs wieder da. Ich werfe ein Stück Holz nach ihm. Aber das veranlasst ihn nur, ein paar Schritte rückwärts zu gehen.

'Ob der tollwütig ist?' kommt es mir in den Kopf. 'Wieso ist der nur so lästig?'
Er schleicht am Felsen entlang und an einer Bank nur wenige Meter entfernt bleibt er stehen, lässt mich nicht aus den Augen. Es stört ihn auch nicht, als ich mich erhebe, um ein paar neue Holzstücke zu holen. Dann setzt er sich.
'Klar, mach's dir ruhig bequem!' denke ich und lasse das Feuer etwas höher brennen. 'Was, wenn es ausgeht? Der Fuchs wird mich zwar nicht fressen, aber vielleicht greift er mich dann doch an!'

„Na du Angsthase!“, flüstert eine leise Stimme. „Die Geister hast du im Griff und wie sieht es mit dem aus, was in der wirklichen Welt passiert?“
Ich bin verwirrt. Werfe noch ein Stück Holz nach dem Fuchs. Ob der auch wirklich echt ist? Oder bilde ich mir den bloß ein? Er bewegt sich tatsächlich ein Stück zur Seite, dann geht er an das Holzstück schnuppern. Bisher habe ich nicht gezielt geworfen. Ich will ihm ja auch nicht wehtun.
Ein Fuchs also. Ich überlege: 'Füchse sind Einzelgänger, klug und listig. Sie jagen im Schutz der Dunkelheit und behalten ihr Ziel im Auge. Und sie finden jedes Schlupfloch, um ihr Ziel zu erreichen.'

„Er wird dir nichts tun. Wir sind alle Jäger der Nacht!“, erklärt mir die Eule, die auf dem Holzstapel sitzt. „Wir sind die, die du brauchst, um die dunklen Seiten eines Menschen zu sehen, die, die dir helfen, verlorene Energien aufzuspüren und das zu finden, was die Menschen längst vergessen haben. Wir sind da, um dich auf deinem Weg durch die Dunkelheit zu begleiten.“

Die Eule verwandelt sich in einen alten Mann. Er setzt sich neben mich an das Feuer. Ich rücke eine Stück beiseite, bleibe mit der Hand an seinen Umhang hängen. Und - der ist verdammt real! Ich kann es nicht glauben. Der Alte sieht aus, wie aus einem Märchen entsprungen. Der Stoff seines Umhanges fühlt sich an wie ein Kartoffelsack. Ihn umgibt der Geruch von Erde und Kräutern. Ich überlege 'Wacholder? Thuja? Salbei? Ein Gemisch von all dem?'
„Du hast diesen Weg gewählt“, unterbricht er meine Gedanken. „Dir wird noch Vieles begegnen, was dein Verstand nicht erfassen kann. Sie ihn dir an, diesen Fuchs. Er sitzt da und beobachtet. Du könntest hingehen, ohne dass er sich wegbewegt.“
'Das werde ich bestimmt nicht tun', denke ich während ich mit einem langen Stück Holz in dem Feuer herumstochere.
„Du könntest aber!“, erwidert der Alte mit dunkler rauer Stimme.
Ich schaue verwirrt auf. „Wer bist du?“, frage ich so laut, dass ich vor meiner eigenen Stimme erschrecke.
„Deine Eule! Ich bin dein Lehrer und dein Führer in der Welt der Dunkelheit und in der Welt des Unsichtbaren.“
„Aber warum siehst du jetzt aus wie ein Mensch?“, will ich von ihm wissen.
„Wir können jede beliebige Gestalt annehmen.“ ist seine Antwort. „Und vielleicht kannst du das auch eines Tages! Formen und Grenzen existieren nur in den Köpfen der Menschen. Aber manche können sich davon frei machen. Vielleicht gehörst du irgendwann zu den wenigen Auserwählten, denen das gelingt.“

Die vier Wölfe liegen entspannt vor dem Feuer und auch der Fuchs hat sich inzwischen niedergelegt. So hatte ich mir die Nacht der Geister nun wirklich nicht vorgestellt!

„Ja so ist das mit uns Wesen aus der Welt des Unsichtbaren. Wir lassen uns nicht beeinflussen wie die Menschen. Wir tun, was nötig ist. Helfen unseren Menschen, denen wir dienen. Wir geben unser geheimes Wissen weiter, helfen heilen und bewahren vor Unheil. Nur wenige können uns so sehen und wahrnehmen wie du. Und vergiss nicht, du wolltest den Kontakt! Keiner hat dich dazu gezwungen. Du hast frei entschieden.“

Asja hebt ihren Kopf. „Wir mussten lange warten, bis du unsere Botschaften verstanden hast. Wir alle waren oft in deinen Träumen.“
„Und wir mussten dich in Situationen bringen, die dich Zeit und Raum in Frage stellen ließen.“ Der Alte schaut mich lächelnd an.
Ich kann es nicht glauben! „Ihr habt dafür gesorgt, dass ich meinen Kater zeitgleich an verschiedenen Stellen sehen konnte? Das ich manchmal das Gefühl hatte, Stunden wären Minuten und manche Nächte für mich kein Ende nehmen wollten? Die blauen Flecken nach manchen Träumen und all diese Dinge die ich mir nicht erklären konnte ... Das wart alles ihr?“ Der Alte nickt.

„Und nun?“ Ich bin ratlos. „Arbeite mit uns!“ knurrt Asja. „Viele Menschen brauchen dich!“
„Nutze dein Wissen und unser Wissen.“, rät der Alte und dann erzählt er mir eine Menge über Krafttiere, verirrte Seelen und verlorene Energien.
Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Das Feuer ist erloschen. Mir ist kalt. Ein Schluck heißer Tee wäre jetzt gut. Ich habe nur zwei Becher getrunken, nicht einmal die Hälfte der Kanne. Ich greife nach ihr, aber sie ist leer. Ich erinnere mich an den Alten, sehe den Fuchs. Er sitzt immer noch oder schon wieder an der Bank gegenüber.

Im Tal läuten die Glocken, es ist vier Uhr am Morgen. Allerheiligen. Ich beschließe nach Hause zu fahren. Langsam erhebe ich mich, werfe den Rucksack auf den Rücken. Versuche mich vorsichtig und mit weichen Knien am Fuchs vorbeizuschleichen. Auch er steht auf, streckt und schüttelt sich. Dann folgt er mir in einigen Metern Abstand den Weg hinunter ins Tal. Erst an der kleinen Bergkirche bellt er kurz, dreht sich um und verschwindet fast lautlos im Wald. Ich höre eine leise Stimme: „Mach's gut, du Angsthase. Und ruf nach Kijo, wenn du mich brauchst.“

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren