Schamanische Seelenreise von unserer Freundin Sylvia Lietsch - Heilpraktikerin in Eibau

„Siehst du, ich hab doch gesagt, du wirst mich noch brauchen!“

Sylvia Lietsch mit ihrer Schamanentrommel Nein, es ist nicht die erste Reise. Ich kenne den Weg bereits. Neu ist, dass mich Kijjo, der Fuchs begleiten wird. Ungeduldig lief er schon um mich herum, als Paul, der Schamane sagte: „Wir werden die verlorenen Seelenanteile bitten, zurückzukommen und sie wieder ins Herz einbetten.“

 

„Siehst du, ich hab doch gesagt, du wirst mich noch brauchen!“ triumphierte der Fuchs. Etwas mulmig war mir da schon zumute. Was sollte der Rotpelz dabei? Bisher habe ich das immer selbst getan. Zum Eingang in diese untere Welt haben mich Asja und Kuru, die beiden weißen Wölfe begleitet. Nur Tarja, die Eule, war in dieser Welt an meiner Seite – mal in Form des alten weisen Mannes, wenn ich einen Rat benötigte oder als Eule, um mir ihren scharfen Blick in der Dunkelheit zu leihen.

Paul schlägt die Trommel. Ich kenne meine Aufgabe, werde durch die vier Räume ganz tief da unten, im Verborgenen gehen. Kijjo kann es kaum erwarten. Er rennt durch den weißen, hellen Raum, der mein Ausgangspunkt ist, schnurstracks auf eine Treppe zu. Es ist, als wäre er diesen Weg schon viele Male gegangen. Ich folge ihm. Auch ich kenne diese Wendeltreppe, die nach unten auf eine wunderschöne Wiese führt. Zehn Stufen hat sie. Diesmal werden wir nicht den Weg zum großen alten Baum über die grüne Wiese mit den vielen bunten Schmetterlingen nehmen. Heute geht es über einen schmalen Pfad in einem dichtem Wald zu einem Turm. Dorthin, wo all das eingesperrt ist, was ich mir freiwillig nur ungern anschauen möchte.

Während der Fuchs bereits über die Wiese schleicht und sich ungeduldig immer wieder nach mir umschaut, überreicht mir der alte Weise einen Schlüssel. Ich habe nur kurz darüber nachgedacht, ob die Tür des Turmes abgeschlossen ist. „Aufschließen muss du sie selbst.“ sagt er.
„Nun komm schon!“ bellt der Fuchs. Wir machen uns auf dem Weg durch den dunklen Wald. Ich hatte gehofft, Tarja oder der Alte würden mir folgen. Immer wieder schaue ich in die Baumwipfel, in der Hoffnung die Eule zu entdecken. Aber sie ist nicht zu sehen.
'Dann werde ich Kijjo vertrauen müssen.' denke ich. Noch nie war ich mit dem Fuchs unterwegs., und heute auch noch allein mit ihm.

Es ist nicht weit bis zum Turm, schnell sind wir da. Für mich viel zu schnell. Was wird mich erwarten? Fast wünschte ich mir, der Schlüssel möge nicht passen, oder die Tür nicht aufgehen, weil alles verrostet ist. Aber fast wie von Geisterhand geführt, dreht sich der Schlüssel im Schloss und die Tür springt auf. Kijjo ist sofort im Dunkel des Turmes verschwunden. „Komm“ ruft er, „wo bleibst du denn.“ Ich trete ebenfalls ein und bin erstaunt, dass ich trotz der Finsternis eine weitere Tür erkennen kann. „Die Kammer des Schreckens“ hat Paul sie genannt. Ja, manchmal wird sie ihrem Namen gerecht. Nie weiß ich, was ich darin finden werde. Auch heute nicht. Ich weiß nicht, welche Verletzung, welches Trauma heute darin auf mich wartet. Ich lege meine rechte Hand an die Tür. Die linke ist zur Faust geballt, so dass ich meine Fingernägel in der Handfläche spüren kann. Auch dieser Raum ist sehr schummrig. In einer Ecke brennt eine kleine Kerze. In der Mitte des Raumes hängt ein alter Sack. Ich zucke zusammen, weiß genau, was sich darin befindet. Es ist Micky, eine pechschwarze Katze mit zwei weißen Vorderpfötchen und einem weißen Lätzchen. Aus dem Dunkel kommt mein Vater mit einem großem Knüppel, schlägt auf diesen Sack ein. Ich schreie „Nein!“ aber da ist alles schon zu spät. Micky, meine Micky! Sie hatte sich zu mir ins Bett gelegt. Sie hatte auf meinem Kopfkissen geschlafen. Sie wollte nah bei mir sein und musste deshalb so grausam sterben. Wie damals sinke ich weinend neben dem Sack zusammen. Und da ist sie auf einmal bei mir, Micky die pechschwarze Katze. Schmiegt sich an mich. „Du konntest nichts dafür, du warst noch viel zu jung, um etwas dagegen tun zu können. Ich habe dich genauso lieb, wie du mich hattest.“ Ich nehme Micky auf den Arm, vergrabe mein Gesicht in ihrem weichen Fell, flüstere „Meine liebe Micky. Warum?“
„Frag nicht nach dem Warum“ ist ihre Antwort. „Es war. Und es ist vorbei. Lass es los. Ich wache über dich, von da, wo ich jetzt bin.“ Sie schnurrt während ich ihr das Köpfchen graule, leckt mir die Hand. „Ich hab dich lieb“ flüstere ich in ihr Ohr. Und dann ist die Katze verschwunden.

Regungslos sitze ich in der Mitte des Raumes. Dann schaue ich mich noch einmal um. Nehme ein Fenster wahr. Ein geöffnetes Fenster, an dem jemand steht. Ich stehe auf, gehe in Richtung des Fensters. Es wird größer und ich sehe mich. Ich stehe weinend, nein hysterisch heulend und brüllend an einem Fenster. „Ihr seid so gemein. Ich hasse euch!“ höre ich die Mädchenstimme schreien. Dann sehe ich, wie zwei kleine Jungen am Fenster vorbei fröhlich die Treppe hinunterspringen, sich umdrehen, die Zunge rausstrecken und „Ätschbätsch du bist doch doof“ hinaufrufen.

Ja, auch dies Szene kenne ich. Ich - 12 oder 13 Jahre. Aufpassen auf die jüngeren Brüder, denen egal war, ob ich etwas sagte oder nicht, die einfach taten, was sie wollten. Die Prügel dafür bezog ich. Ich habe an diesem Tag die gesamte Nachbarschaft zusammengebrüllt. Ja - der Hass auf meine Brüder, auch heute noch spürbar. Ob ich ihnen jemals verzeihen kann? Wir waren doch alle noch Kinder. Und ich in der Mutterrolle? Das passte überhaupt nicht. Sollte ich meine Mutter dafür hassen? Warum konnte ich ihr vergeben?

Ich drehe mich zur Tür, durch die ich eingetreten bin, sehe Kijjos Schnauze. Schaue mich noch einmal im Raum um. Die Kerze ist erloschen. Also kann ich den Raum verlassen.
Der Fuchs streicht um meine Beine und führt mich zur nächsten Tür. Die Tür ist bereits einen Spalt geöffnet. Ich sehe ein Flackern, heller und heftiger als von einer Kerze. Ich stoße die Tür an. Schnell schlägt sie an die Wand. Ein Stapel Papier fliegt auseinander und viele Blätter in ein Feuer, welches in der Mitte des Raumes brennt. Kijjo stupst mich an. Wieso ist er mir gefolgt? Er lässt aus seinem Maul einen Stempel fallen. Einen großen Stempel mit der Aufschrift „UNGÜLTIG“. Ja klar, die Seelenverträge! Ich muss sie jetzt und für alle Zeiten ungültig erklären. Ich gehe zu einem Stapel, der sich vor meinen Augen bis auf einige wenige Blätter in Luft auflöst. „Gelübde, der Armut“ lese ich. Schnell den Stempel drauf und ab ins Feuer damit. “Schwur der ewigen Rache und Vergeltung“, „Selbstkasteiung“. Auch das ungültig und den Flammen übergeben. „Ewig verbunden mit...“ Es folgen eine Reihe von Namen. Ich zögere. Soll ich wirklich all diese Bindungen auflösen?

„Was tut dir noch gut an diesen Bindungen und was verbindet dich überhaupt noch mit diesen Leuten“ unterbricht der Fuchs meine Überlegungen. „Die meisten würdest du doch sowieso am liebsten in die Wüste schicken!“
„Du hast ja recht“ gebe ich beschämt zu. „Hätte ich diese Kontakte nicht aufrechterhalten, es gäbe sie längst nicht mehr. Und diese Reihe hier, auch nur, weil es sich so gehört, sich ab und zu zu melden.“ Entschlossen drücke ich den Stempel darauf. „Wer den Kontakt aufrechterhalten will, ist jetzt selbst dran, dass in die Hand zu nehmen“ gebe ich dem Vertrag auf seinem Weg ins Feuer mit.

Was mag wohl in den Verträgen gestanden haben, die wie von selbst ins Feuer geflogen sind oder sich in das Nichts aufgelöst haben? „Denk nicht darüber nach, unterschreibe lieber die neuen Verträge, dort drüben!“ ermahnt Kijjo und lässt einen Stift fallen. Das Feuer in der Mitte des Raumes ist verschwunden. Dafür steht ein runder schwarzer Glastisch mit einem großen Kristall in der Mitte unter einer kugelförmigen Lampe, die den Raum nun in ein helles aber trotzdem warmes und weiches Licht hüllt.

Ich bin neugierig, was ich nun unterschreiben soll: „Reichtum und Fülle ist dein Geburtsrecht“ steht in großen goldenen Buchstaben auf dem ersten Blatt. Das unterschreibe ich doch ohne weiter darüber nachzudenken. Auch mit allen anderen Verträgen bin ich zufrieden. Ohne Zögern setze ich meine Unterschrift darunter.

Aufatmen. Mit einem Gefühl der Leichtigkeit verlasse ich diesen Raum und gehe zur gegenüberliegenden Tür. Dort werde ich die Anteile von mir finden, die ich verloren habe, die geflüchtet sind, die, die ich vielleicht jemanden geliehen habe und nie zurückgefordert. Ich öffne die Tür. Der Raum ist dunkel und er ist leer. Ich schaue mich um, kann wirklich nichts entdecken, nur nackte Mauern um mich herum.

„Kijjo bitte hilf mir“ flüstere ich. Als hätte der Fuchs nur darauf gewartet, durchkämmt er den Raum. „Ich finde euch alle“ warnt er. Und tatsächlich, aus einer Ecke holt er ein kleines verschüchtertes Etwas, legt es mir vor die Füße. Ich nehme es in die Hand.
„Wer bist du?“ frage ich es.
„Ein Teil von dir“ kommt es trotzig von diesem kleinen runden Etwas.
„Ich weiß, dass du ein Teil von mir bist. Darf ich wissen was du bist?“
„Das, was du nie gesehen hast, nie sehen wolltest - das Große, Göttliche. Willst du mich denn überhaupt haben?“
Ich weiß nicht was ich darauf antworten soll.
„Siehst du, du zögerst, eigentlich willst du mich gar nicht.“
„Doch“ sage ich schnell. “Ich will dich, denn nur mit dir bin ich komplett. Verzeih mir, dass ich dich nie wahrgenommen, nie gesehen habe. Woher sollte ich denn auch wissen, dass es dich gibt, dass du zu mir gehörst?“ Ich drücke das kleine unscheinbare Etwas an mein Herz. Es leuchtet mit vielen silbernen Strahlen auf und als hätte es nur auf meinen Herzschlag gewartet, verschwindet es in mein Herz.

Noch ein zappelndes Ding bringt Kijjo herzu. Ich nehme das dunkle unansehnliche Zappelnde in meine Hand.
„Du bist stark, du kommst auch ohne mich klar, du brauchst mich nicht mehr.“ krächzt es mich an und versucht sich aus meiner Hand zu winden.
„Ich glaube, ich brauche euch alle, wer ihr auch seid...“ vorsichtig streiche ich mit einer Hand über das zappelnde Ding.
„Na ja, ich wäre schon gern wieder bei dir, denn ohne dich bin auch ich nichts. Und wenn du mich nicht brauchst oder nutzt, kann ich ja wieder verschwinden, ohne dass du es merkst.“ Aus dem zappelnden Ding wird eine wunderschönes zartes, fast zerbrechlich aussehendes Wesen, welches mir sehr kraftvoll den Finger drückt. “Ich bin die Kraft der Weiblichkeit, also nutze mich auch!“ Mit einem Lächeln drücke ich es an mein Herz und schnell ist es darin verschwunden.

Ich schaue mich nach dem Fuchs um. Der sitzt still in einer Ecke. Da taucht aus dem Dunkel ein Gesicht auf. Ich kenne es, sehr gut sogar und ich vermisse es seit Jahren.
„Ich war mir nicht sicher, ob die Zeit reif ist.“ sagt es.
„Klaus! Du?“
Ja, ich. Ich möchte dir den Anteil deiner Liebe zurückgeben. Du wirst ihn noch brauchen“
Ich muss schlucken, es fällt mir schwer, die Tränen zurückzuhalten. „Warum?“ frage ich leise. „Sie gehört dir, nur dir.“
„Nein, sie gehört dir. Ich habe sie nur geliehen und ich brauche sie nicht mehr. Du trägst unsere Liebe in deinem Herzen. Nimm deinen Anteil zurück.“ Das Gesicht haucht mir einen zarten Kuss auf die Stirn, einen auf die Lippen. „Sei frei für Neues!“ Dann ist es verschwunden. Wärme und unendlich viel Liebe durchströmt mich. „Warum?“ frage ich noch einmal in die Dunkelheit hinein „Sie gehörte doch zu dir.“ Das Gesicht kommt nicht zurück.

„Das wars für heute. Mehr ist hier wirklich nicht. Du bist komplett. Und nun komm, die anderen warten schon.“ reist mich der ungeduldige Rotpelz aus meinen Gedanken
Die anderen? Fragend schaue ich dem Fuchs nach. Er steht schon vor der nächsten Tür. Sie ist geöffnet und gibt den Blick in einen großen Saal frei. Und wirklich, Kijjo hatte recht – alle sind da.

Pinky kommt auf mich zu gesprungen und ist schnell in meinem Arm und auch Smoky der kleine Hase. Die fünf weißen Wölfe sitzen auf der rechten Seite neben dem alten Weisen, Toro, der schwarze Panther und Mirja die schwarze Stute an seiner rechten, Auch der Kranich ist da, der Falke und der Adle ebenfalls, eine grüne Schlange, die ich noch nie vorher gesehen hatte und ein Kolibri. Ganz im Hintergrund hält sich der Eisbär, so als hätte er sich schon verabschiedet.

Vor ihnen ist ein Blumenbeet, nein ein duftendes Blumenbett. Der weise Alte erhebt sich. „Hier werden wir deine verlorenen Anteile mit dir verbinden“
„Aber sie sind doch schon in meinem Herzen“ entgegne ich.
„Das ist nicht genug“ erwidert der Alte. „Sie werden jetzt deine alten Muster und Glaubenssätze ersetzen.“ Er streckt seine Hand zum Blumenbett. „Macht es euch bequem, den Rest übernehmen wir.“
Pinky und Smoky huschen auf den Boden zurück.

Ich lege mich in das duftende Blütenmeer. Jasmin rieche ich heraus und Rosen. Bevor ich zum weiteren Nachdenken komme, lässt mich der betörende Duft in einen schwerelosen Zustand versinken. Ich sehe, wie alle meine Helfertiere um mich herumstehen, Tarja die Eule über mir hin- und herfliegt. Ich sehe noch einmal das kleine zerbrechliche Wesen und die Kugel mit den silbernen Strahlen, spüre wie sich Wärme und noch mehr Leichtigkeit in mir verteilt und sich mit Kraft und Sinnlichkeit vereint.

„Wir alle sind ein Teil von dir und du ein Teil von uns, vergiss das nie!“ höre ich die Stimme von Asja, der Weißen Wölfin „Und nun komm wieder zu uns“
Ich öffne die Augen. Alle sind immer noch um das Blumenbett versammelt. Während ich mich erhebe, machen sie Platz. Mirja stampft mit dem Vorderhuf und wirft mir einen Zettel zu. „Lorima di sumera“ steht darauf. Fragend blicke ich erst sie an, dann den weisen Alten. „Du wirst es wissen, wenn die Zeit reif ist“

Ich hätte es mir denken können.

 

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