Feentanz Aquarell Ramona Hellmann 2011Kennt ihr das Buch "Feengeflüster" von unserer Freundin Claudia Karkosch?

Eigentlich ist es ein Buch, was sie nur für ihre Tochter geschrieben hat und das wunderschöne Geschichten enthält. Ramona durfte es mit Bildern illustrieren.

Hier eine Geschichte aus dem Buch:

Das Treffen der Tiere

Es liegt eine eigenartige Stimmung über dem Wald. Die Luft ist klar und kalt, die Sonne scheint hell und spielt mit ihren Strahlen im Schnee. Sehr deutlich kann man das Knistern zwischen den Eiskristallen hören – aber alles in allem liegt eine angenehme Stille über dem Wald, die man nur an ganz bestimmten Wintertagen spüren kann.
Die Tiere, die hier leben, können diese Ruhe nicht genießen. Sie erwarten heute Besuch. Am Abend wollen sie sich mit Tieren aus fremden Ländern treffen, miteinander reden und singen, Geschichten aus dem vergangenen Jahr erzählen und Neues aus diesen Regionen kennen lernen.
Das ist immer sehr aufregend, denn keiner weiß, wer kommen wird und was der Abend bringen wird. Alle bereiten sich vor. Die Vögel putzen ihr Gefieder und trällern schon den ganzen Tag, das Rotwild pflegt das Fell und das Geweih, die Wölfe heulen um die Wette, die Mäuse richten ihre Schwänzchen und der Dachs putzt sich die Nase. Auch der Igel bringt sich in die rechte Form, die Hasen üben Riesensprünge und die Insekten summen im Takt des Waldes.
Nur einer ist nicht gut drauf. Der Fuchs, der Jüngste in diesem Wald, freut sich nicht auf den kommenden Besuch. Bis jetzt hat er alle Aufmerksamkeit der Tiere des Waldes bekommen, denn er ist noch recht klein, sehr niedlich und hübsch findet er sich auch. Leider ist das heute gar nicht so. Keiner hat Zeit mit ihm zu spielen, oder auch nur mit ihm zu reden. Keiner interessiert sich für ihn, alle sprechen nur von diesem Abend.
Irgendwann ist der kleine Fuchs sauer und trotzig und denkt: „Ihr werdet schon sehen. Wenn ihr mich nicht wollt, will ich euch auch nicht. Ich werde weglaufen und dann geht es mir viel besser und ihr müsst mich suchen.“ Da keiner da ist, um ihm diesen Gedanken auszureden, macht er sich auf den Weg und geht in den Wald hinein. Klar, er kennt den Weg zurück, aber das wissen ja die anderen nicht. Er findet neue geheimnisvolle Plätzchen und neue Wege gibt es auch und auf einmal ist er dort, wo er sich nicht mehr auskennt.
Jetzt bekommt er Angst und beginnt zu rennen, doch es wird immer schlimmer. „Wo bin ich nur?“, heult er. „Ich wollte doch den anderen Angst machen, jetzt habe ich Angst.“
Er ruft nach seinen Freunden und seiner Familie, aber keiner hört ihn. Verängstigt, müde und allein rollt er sich im Unterholz zusammen und schläft vor lauter Erschöpfung ein.
Die Tiere des Waldes haben seine Abwesenheit gar nicht bemerkt. Sie gehen zu ihrem Treffpunkt und staunen, wer alles angekommen ist. Sie sehen einige exotische Vögel mit Stimmen, die wie klirrendes Eis klingen, einen Elefanten, der seinen Rüssel wie eine Fahne bewegt und plötzlich laut trompetet, da kommen noch ein paar Lamas an und neben vielen anderen seltenen Tieren kommt der König der Tiere, der Löwe ganz stolz daher.
Alle bestaunen sich, als der Löwe brüllt: „Ich bin euer König. Ihr habt mich entsprechend zu behandeln und euch nach meinen Regeln zu verhalten.“ Alle Tiere schauen sich an und ein lautes Schweigen entsteht. Das gab es noch nie. Hier sind alle gleich, jeder ist wichtig.
Nur langsam kommt das Gespräch in Gang. Aber die Neuigkeiten aus aller Welt oder die Geschichten von Bekannten und Freunden, die heute nicht dabei sind, sind am Ende doch so wichtig, das man die Bemerkung des Löwen vergisst.
Die Zeit vergeht, als alle plötzlich einen kurzen Schrei vernehmen. Das Reh springt wie wild zwischen allen Tieren herum. „Habt ihr den kleinen Fuchs gesehen?“, fragt es aufgeregt in die Massen. „Normaler Weise ist er doch immer mitten drin überall muss er dabei sein und seinen Kommentar dazu geben. Aber ich habe ihn schon den ganzen Abend nicht gesehen oder gehört.“ Jetzt bemerken auch die anderen Tiere, dass der kleine Kerl fehlt. Einige erinnern sich an sein komisches Verhalten am Morgen und nachdem sie alle Fakten zusammengetragen haben, sind sie sich sicher, dass der kleine Fuchs weggelaufen ist. „Was sollen wir tun?“ schreien sie durcheinander. Da brüllt erneut der Löwe: „ Ich bin euer König und werde euch beweisen, das ich besser bin als ihr. Ich werde ihn finden und ihr werdet mich ehren!“ Aus Leibes Kräften brüllt er und rennt einfach los.
Wieder entsteht ein kurzes Schweigen, als auf einmal die Wölfe rufen: „Wir sind viel schlauer als ihr alle. Wir werden euch beweisen, das wir die besten sind.“ Laut heulend verschwinden auch sie im Wald. Was nun geschieht ist sonderbar. Jede Art will beweisen, dass sie die beste ist. Die Amsel und die Nachtigall steigen laut pfeifend in die Lüfte, der Adler erhebt sich und fliegt gen Berge, die Mäuse sausen in ihre Löcher und graben wie wild neue Gänge. Der Bär rollt sich zusammen und meint: „Ich warte hier. In der Ruhe liegt die Kraft.“ Die Hirsche springen über Hecken und Sträucher und sie springen auch wieder zurück.
Das Chaos ist perfekt.
Das Reh steht immer noch wie verhext an seinem Platze und schaut der verrückten Meute zu. „Was ist denn hier nur los? ruft es, aber keiner hört mehr zu.
Nach mehr als einer Stunde kommen alle wieder an ihren Treffpunkt zurück. Etwas verlegen oder wenigstens kleinlaut geben sie zu, dass sie den kleinen Fuchs nicht gefunden haben. Sogar der mächtige Löwe musste einsehen, das Brüllen und Losrennen nicht immer die besten Lösungen sind.
Wieder nimmt das scheue Reh allen Mut zusammen und tritt vor die Versammlung. „Wäre es nicht besser, wenn wir alle zusammen suchen würden? Wie in einer Kette. Jeder ist nur ein einzelnes Glied, nicht wichtiger als der andere, aber genauso wichtig, um die Kette zusammen zu halten.“ Auch dieses Mal entsteht ein langes Schweigen. Der Löwe ist der erste, der zu reagieren scheint.
Er geht auf das Reh zu und sagt: „ Du wirst nie ein König sein, aber deine Weisheit wird Könige beeindrucken.“
Langsam kommen auch alle anderen Tiere in den Kreis. Sie sprechen über die Kenntnisse des kleinen Fuchses, seine Angewohnheiten und über ihren Wald. Schnell entschließen sie sich in bestimmten Richtungen zu suchen und alle Fähigkeiten ihrer Arten auszunutzen. Der Adler kreist nun direkt über dem Wald, die Amsel und die Nachtigall schwirren zwischen den Büschen umher, die Wölfe laufen zielgerichtet in die vorgeschlagenen Gebiete, wobei sie ihr lautes Heulen zur Verständigung nutzen.
Die Hirsche und Rehe haben eine Kette gebildet und springen durch das dunkle Dickicht, der Löwe reiht sich ein, die Mäuse krabbeln in die winzigste Ecke - nur der Bär hockt immer noch zusammen gerollt am Boden und meint: „ In der Ruhe liegt die Kraft. Ich werde warten, so habt ihr immer einen Punkt, wo ihr euch trefft.“
Es dauert nicht sehr lange, bis sie den kleinen Fuchs finden. Er war so tief eingeschlafen, dass er erschrocken zusammen zuckt, als er so viele Tiere, bekannte wie unbekannte, auf einmal sieht. Aber er ist glücklich, denn nie zuvor hat er sich so allein gefühlt.
Alle treffen sich wieder beim Bären. Keiner kann sagen, wer den kleinen Fuchs gefunden hat, es ist auf einmal auch nicht mehr wichtig. Auch die Entschuldigung des kleinen Fuchses geht fast unter in dieser Atmosphäre, denn jetzt ist er da, wie alle anderen. Er ist ein Teil wie jeder andere, nicht besser, aber auch nicht schlechter.
Alle Tiere rücken enger aneinander. Der Löwe verneigt sich noch einmal vor dem Reh und akzeptiert seinen Platz neben den anderen.
Ja, es liegt eine eigenartige Stimmung über dem Wald.

 

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